Dienstag, 25. März 2008

Februar-Geplapper



Hallihallo alle zusammen, aus weiter Ferne und seit laaaanger, laaaanger Zeit meldet sich eure Schweizerin in Exil mal wieder zu Wort. Viel ist passiert, einiges habe ich gesehen und über gewisse Dinge bin ich mir noch nicht ganz im Klaren, ob ich sie wirklich erlebt hab oder nicht, aber hey, ihr wisst ja, wie das so ist mit dem Kulturaustausch.
Also, um meine sorgsam aufgearbeitete Blog-Chronologie auch aufrecht zu erhalten, starte ich als Anfang mit dem Ende des letzten Eintrags!

Schneeballschlacht
Während ich dank dem technischen Fortschrtitt der modernen Telekomunikation (auch Skype genannt) aus dem Heimatländle tüchtig Kunde von schon fast tropischen Temperaturen trotz februar'schen Sterngebilde gekriegt habe, froren mir in meinem kleinen, nach japanischen Werten konstruierten und daher saukaulten Zimmerchen immer noch fast die Füsse am Boden fest, sobald man aus der Badewanne gestiegen kam. Ausserdem machte sich langsam eine unbeschreibbare innere Unruhe in mir breit, lag doch draussen verlockender Schnee rum, während sich um mein einsames und kläglich im Stich gelassenes Snowboard zuhause in der Garage wohl schon die Spinnweben ansammeln mussten. Diesem Frust konnte ich dann aber freien Lauf lassen, und zwar in einem erbitterten Massenschneeballschlachtmarathon, der sich unter den Austauschstudenten im Laufe eines vorher ruhigen Abends gebildetet hatte. Auf dem Sportplatz vor dem Studentenheim wurden Allianzen gegründet, Freundschaften betrogen, Strategien ausgetüftelt, Verschwörungen gegen die Italiener geplant, Ehren verteidigt und bis aufs Blut, bzw. den Dreck unter dem Schnee, gekämpft - 2 Stunden lang. Nachdem dann aber auch noch das letzte Fleckchen jeglicher Unterwäsche durchnässt war, kapitulierte die germanische Fraktion und zog sich ins Heim unter die Dusche zurück. Am nächsten Tag waren dann von dem Massaker nur noch vereinzelte, halb vor hin geschmolzene Überreste von Schneemännern und -frauen übrig und die Legende der durchgedrehten Ausländer im Schnee fand ihren Weg durch ganz Tokyo. Und dann die Welt. Ihr habt doch sicher auch schon davon gehört, oder?!




Yo ni mo Kimyou na Monogatari
Ein paar Tage später eröffnete sich meiner Welt ein ganz neuer Horizont: japanisches HomeTV! Von eben derselben Tutorin, die schon für die Tragödie des Weihnachtstheaters verantwortlich war, wurde ein weiteres Unternehmen geplant, das da wäre: ein Auftritt in einer japanischen Sendung! Es handelte sich dabei um "Yo ni mo kimyou na Monogatari", eine sehr beliebte Sendung, die jedes Jahr etwa 2 mal ausgestrahlt wird und vielleicht mit unserem X-Factor vergleichbar ist. In den gruseligen Kurzgeschichten spielt aber immer ein hiesiger Celebrity die Hauptrolle. Nun waren für eine dieser Episoden viele Ausländer von Nöten (das Setting war die Nobel-Preis-Verleihung in Schweden) und da der Drehbuchautor ein Freund unserer Tutorin war, bat er sie, soviele Austauschstudenten wie möglich dafür aufzutreiben. Das stellte sich dann aber als ziemlich problematisch heraus, denn wir alle waren inmitten der Prüfungswochen und der Dreh nahm einen ganzen Nachmittag, wertvolle Lernzeit für unsereins, in Anspruch. Auch bei mir stand am Tag darauf zwar eine Grammatik-Prüfung an, aber natrülich konnte ich zu ihrem gekonnt angewandten Hundeblick nicht nein sagen... Naja, stimmt nicht ganz, Hauptargument war eingentlich der Hauptdarsteller unserer Geschichte, der da kein anderer war als Itoh Hideaki, den ich schon anfangs meiner steilen Japanische-HighSociety-Karriere in Dramas wie Yasha oder Umizaru angehimmelt habe.
Wie dem auch sei, es kam jedefalls dazu, dass ich mich eines schönen Mittags zusammen mit 14 anderen Ausländern aufmachte zu einem Movieset. Dort angekommen, bekamen wir sogar einen richtigen Umkleideraum mit beleuteten Spiegeln, wie man's sonst aus den Filmen kennt. Über die Kostüme, die von der FilmCrew zur Verfügung gestellt worden waren, möchte ich mich hier aber nicht weiter äussern, denn weisse Prinzesschenrüschchenkleider sind nun wirklich nicht etwas, dass ich sonst freiwillig anziehen würde. Eigentlich würde ich es auch unter Zwang nie wieder anziehen. Aber eben, man hat sich von der Welle mittreiben lassen...
Am Set an sich war es sehr interessant, mal den Profis zuzusehen, wie die Dinge so gemeistert werden. Mein Part an der ganzen Sache war ein Dialog zwischen einem auf einem Balkon sitzenden Ehepaar, während der Hauptdarsteller auf die Bühne gerufen wurde. Mit schweizerischem Akzent musste ich ein "Honey, do you know that person?" zum Besten geben, worauf in einem unverkennbar spanischen Akzent ein "I don't know. Who is he?" zurückkam.
Da meine Rolle danach auch schon erledigt war, konnte ich es mir in der Mitte der Aula gemütlich machen und Itoh Hideaki und sein Film-Team bei der Arbeit stalken, oh, ich meinte beobachten, bis abends um 6 dann auch der letzte Take aufgenommen war.
Der Anfang eines neuen Sterns im japanischen Fernseh-Himmel?!!^.~







Okonomiyaki Essen

Ende Monat kam dann Martin, der Bruder meiner Nachbarin Julia, zu Besuch, also trieben wir uns ein bisschen gemeinsam in der Stadt rum, sahen uns meine Lieblinge, dir tanzenden Elvisse, an und gingen dann Okonomiyaki essen, ein sehr beliebtes Gericht in Japan und etwa als Pizza aus Kohl und Teig, garniert mit Speck, Mayonnaise und Okonomiyaki-Sauce anzusehen. Während dem Essen lernten wir dann noch die drei netten, älteren Herren vom Nebentisch kennen, die allen Frauen unseres Tisches ein Bier ausgaben und uns noch Takoyaki, eine weitere Spezialität, spendierten. Mit 3 Visitenkarten und 2 Jobangeboten verliessen wir das Lokal dann richtung Karaoke, wovon sich Julia und Martin zwar gekonnt drückten, dafür aber noch einige japanische Freunde zu uns stiessen.






Nikko
Eine Woche später ging's dann auf einen weiteren Trip, nämlich nach Nikko, ein Bergstädtchen mit dem Zug ca. 3 Stunden weg und bekannt für seine Schreine und Tempel, die allesamt als Weltkulturerbe gelten. Dort angekommen eröffnete sich mir erstaunlicherweise ein ziemlich vertrauter Anblick, denn Nikko hat mich mit seinen Bergen im Hintergrund und dem Schnee, der noch lag, und der sauberen Luft stark an ein Schweizer Bergdorf erinnert.
Maru, Julia und ich trieben uns hauptsächlich in den Tempelbezirken herum, während bei Martin der Berg rief und er sich von uns trennte, um die dortigen Höhen zu besteigen (auf denen übrigens wilde Affen leben). Appropos Affen, aus Nikko kommen übrigens die 3 Affen, bei denen sich der eine die Ohren zu hält (um nichts Böses zu hören), der Mittlere den Mund (um nichts Böses zu sagen) und der Letzte die Augen (um nichts Böses, na was wohl? genau, hören). Der Holzschnitt ist Teil eines ganzen Bildes, das den Werdegang des Menschen von Kind bis Alter beschreibt und bezeichnet die Abschnitt, wie das Kind erzogen werden sollte.
Abends wurde es dann aber ziemlich kalt; ausserdem stand uns ein langer Heimweg bevor, weswegen wir uns schon um 5 Uhr wieder in den Zug nach Hause stiegen.









Yokohama
Ganz am Schluss des Monats gab's dann noch ein weiteres HighLight, nämlich das Treffen mit Kyota, einem Jungen, mit dem ich schon vor meinem Aufenthalt hier in Japan Kontakt hatte (Hint 1). Als geborener Tokyoter und Yokohama-Liebhaber führte er mich einen Tag lang zu allen HotSpots Yokohamas. Angefangen haben wir im China-Town, wo wir chinesische Spezialitäten verspachtelten und uns dann einen chinesischen Templ ansahen. Weiter gings einen Hügel hoch, wo es nicht nur einen wunderschönen Überblick auf Yokohama und die Hafengegend gab, sondern auch einen der wenigen, wenn nicht einzigen, Ausländer-Friedhöfe Tokyos. Natürlich gab's da ein Gruppenfoto (Hint 2) mit Peace-Zeichen, welches ich mir übrigens schon wunderschön angewöhnt habe und anwende, sobald eine Kamera sich hebt.
Nach dem Abstieg ging's dann am Meer entlang durch den Yamashita-Park, angesagter Treffpunkt nicht nur für LiveBands, sondern auch Dates (Hint 3). Als sich dann der Magen langsam zu Wort meldete, machten wir uns auf ins Yokohama Ramen Museum (Ramen ist Japanisch für Nudelsuppe). Dieses war eingerichtet wie ein Stadtviertel von vor 50 Jahren, selbst alte Filmplakate und Telefone waren aufgestellt und man fühlte sich wirklich in die Zeit zurückversetzt. Nach genauer Inspektion der Umgebung setzten wir uns dann in eines der zahlreichen Ramen-Restaurants und liessen es uns schmecken.





Damit war der Abend dann auch zu Ende, Kyota brachte mich noch gesund und munter nach Hause (Hint 4) und 2 Tage danach gings dann los auf Maru's und meine grosse Reise, von der ich im nächsten Post berichten werde!

Dienstag, 5. Februar 2008

Volljährig zum 2., Schnee und kleine Hunde

Gleich vorn weg ein herzliches Dankeschön an meine Schwester und meinen Bruder Stefan (womit seinem Wunsch nach namentlicher Erwähnung in meinem Blog auch nachgegangen ist) für das lässige Packet! Die Coatina wird's wohl leider nicht lange machen, genauso wie das Le Parfait, aber dafür kann ich in der Ferne jetzt schon 4 Schweizer T-Shirts mein Eigen nennen, genauso wie den Helvetica Pullover, das Alpen-Jäckchen, den Schweizer Schal, die 2 Paar Socken, die Tischdecke, die Einkauftstasche, den Rucksack, die Fahne, die 2 Kalender und die Schreibutensilien; man merkt mir meine Herkunft doch nicht etwa an, oder?


Wie dem auch sei, kore kara ha, ah, entschuldigt, falsche Sprache; zu ein paar Erlebnissen meinerseits:

Seijinshiki
Das Volljährigkeitsalter in Japan ist 20, wozu die Quartiere alle frisch gebackenen Tweens zu einer Veranstaltung einlädt, namentlich die Seijinshiki ("Zeremonie der Mündigkeitserklärung"). Da ich und Maru ebenfalls in dieses Alter fallen und auf dem Amt registrierte Anwohner sind, bekamen auch wir eine Einladung geschickt, ganz nett auf Englisch und farbigem Papier, wodurch man ja kaum ablehnen kann. Mit ein bisschen besseren Hosen und Schuhen ausgestattet, machten wir uns in Begleitung einer japanischen Tutorin also auf zu unserer japanischen Mündigkeitsfeier.
Für alle japanischen weiblichen Teilnehmer steckt da aber viel mehr Arbeit dahinter als wir es uns gemacht haben, die denn da wäre: morgens um 6 aufstehen und zum Frisör, der an diesem Tag im 20-Minuten-Takt einer 20-Jährigen nach der anderen die Haare aufsteckt. Danach geht's zur Maske um ordentlich Make-Up draufhauen lassen. Letzter Punkt ist dann das Kimono-Geschäft, wo einem der vorher ausgesuchte Kimono angezogen wird, da man das ja unmöglich alleine fertig bringen kann (wobei ich aber in einem Magazin gelesen habe, dass man einen einfachen Kimono mit 285 (!) gezielten (!!) Handgriffen auch selbst anziehen kann). 6 Stunden später und ein paar tausend (elterliche) Franken ärmer sind die Mädels schliesslich bereit um an der Zeremonie zu erscheinen. Allerdings konnten wir ein Gespräch zweier Mädchen mitanhören, bei dem sie sich schon am Anfang des Tages über das enorme Gewicht ihrer Kimono beklagten und ihn am liebsten gleich wieder ausgezogen hätten.
Männer übrigens ziehen einen schwarzen Anzug an, den die meisten sowiso schon für die Jobsuche gekauft hatten, der alle 20-Jährigen langsam nachgehen müssen; wie unerwartet unspektakulär. Es gibt aber zum Glück auch ab und zu traditonsorientiertere Objekte, die sich einen Hakama (weiter Hosenrock) und ein Haori (weite Jacke) überziehen, was, das muss ich schon sagen, ziemlich schick aussieht.
Rausgeputzt trifft sich die auffallende Gesellschaft dann also im Quartierbüro, in dessen Aula zuerst eine gute halbe Stunde lang irgendwelche halb-wichtigen Leute über Verantwortung und Disziplin ihre Reden schwungen, während sich das Publikum so ziemlich ohne Rücksicht auf die Sprecher fröhlich untereinander austauschte. Nach der Pause gab es zwar noch einen zweiten Teil (in dem ein Schülerchor und ein David-Copperfield-Verschnitt auftraten), doch zu unser aller Erstaunen kam nicht mal mehr ein Drittel der ganzen Leute in die Halle zurück. Wieder draussen wurde ihr Verbleiben dann klar, denn sie standen alle vor dem Gebäude (trotz Kälte) und plauderten, trafen alte Freunde wieder und hielten schon die ersten, offenen Sakeflaschen in den Händen (dieserorts Alkohol ja ab 20 legal geniessen). Nachdem wir uns das bunte Treiben dann noch eine Weile angeschaut haben, machten wir uns wieder auf nach Hause, während die japanischen Teilnehmer aber wohl alle langsam Richtung After-Parties pilgerten.
Alles in allem war es ein sehr interessantes Erlebnis, wir konnten viele schöne Kimono (und natürlich einige Hakama) bestaunen und mal an einer offiziellen japanischen Veranstaltung teilnehmen. Und wer kann schon von sich behaupten, dass er zweimal das Mündigkeitsalter erreicht hat?
Was mir aber ein bisschen unverständlich bleibt, ist die (Un)Menge an Kohle, die die Mädchen, resp. deren Eltern, ausgeben für nur diesen einen Tag, an dem sie sowieso nur eine halbe Stunde lang gelangweilt in einem Saal sitzen und sich dann so schnell wie möglich der traditionellen Kleidung wieder entledigen.





Schnee
Ich hätte nie gedacht, dass es mal soweit kommen könnte, aber während Zürich schneelos ist, bleibt die weisse Pracht in Tokyo sogar liegen; wenn auch nur einen Tag. Mittlerweile hat es schon 4 mal geschneit, 2 mal nur sanft und 2 mal auf Schneeball-Schlacht-und-Schneemann-
Niveau. Da das schon seit einigen Jahren nicht mehr der Fall war, sind die Japaner ganz aus dem Häuschen, die Züge haben Stunden Verspätung, hunderte von Menschen verletzen sich durch Stürze und es gab sogar einen Toten (der gemeint hat, er müsse unbedingt auf sein Dach steigen, da es nun ja schon mal schneebedeckt war). Was mich aber wiedereinmal zum Kopfschütteln bringt, ist die unglaubliche Beharrlichkeit, mit der die Japanerinnen der beissenden Kälte trotzen und, vielleicht gerade aus Protest, jeden Morgen in ihre Miniröcke schlüpfen. Wir haben schon über eventuelle spezielle Wärme-Strümpfe gemutmasst, doch bewiesen ist nichts. Ausserdem nützen auch GoreTex-Nylons nichts, wenn man prinzipell gar keine Nylons trägt.
Wie dem auch sei, zu beobachten, wie sich das hiesige Inselvolk mit dem Winter und dem Schneeherumschlägt, bringt schon viel Spass, teilweise auch Spott, mit sich und wurde zu einer unserer liebsten Freizeitbeschäftigungen.



Die Te-Brüder
Mitte Februar machten mein ehemaliger bzw. wieder zurückgekehrter Studienkolleg Yiea Wey zusammen mit seinem Bruder Yiea Zhung in Japan Ferien. Nach anfänglichen Kommunikationsschwiriegkeiten, brachte man es dann aber doch fertig, sich einige Male in Tokyo zu treffen. Viel haben wir unternommen, so zu Beispiel einen Besuch im Wachsfigurenkabinett im Tokyo Tower oder mein erstes Mal Nacht-Durchmachen in der Karaoke und die damit verbundene Premiere des Besteigens des ersten Zuges um 5 Uhr morgens. Biliarden waren wir auch, genuaso wie gut essen und an einem Sonntag gingen wir uns auch noch die vielen Bands und tanzenden Elvisse im Park neben Harajuku anschauen. Ausserdem hat vorallem Yieah Zhung ein gutes Händchen bei Ufo-Catchern bewiesen, wodurch sich nicht nur mein, sondern auch Marus, Mines und Julias Stofftiersammlung erweitert hat.
Zusammengefasst war's eine sehr lustige Zeit, auch wenn ich die Videoaufnahme, die Yiea Zhung von einer unserer legendärsten, alle Ketten sprengenden Karaoke-Performance, letzendlich doch nicht augehändigt bekommen habe (die ich mir aber bestimmt noch holen werde, wenn ich wieder zurück bin!).



Tierhandlungen
Ein sehr trauriges Kapitel dieser Grossstadt. In erbärmlich kleinen Plastikgehäusen, keinen Meter gross, werden noch kleinere Welpen ausgestellt und zum Verkauft angeboten. Was aber fast noch schlimmer ist, ist die Art, wie Japaner mit solchen Pet-Shops umgehen; so sind sie zum Beispiel ein beliebtes Ausflugsziel für ein Date. Zusammen gehen sie dann in die Läden und schauen sich die ja ach so süssen kleinen Tierchen an. Dass die Hunde, Katzen und sonstigen Kreaturen aber mehr bemittleidenswert sind und eine solche Haltung ihnen nicht gerecht wird, scheint nicht einzuleuchten. Ich jedenfalls mache immer einen grossen Bogen um solche Läden, denn sonst würde ichs nicht über's Herz bringen, die Tiere einfach so dort zu lassen...




Dating Game
Ein gutes Bespiel dafür, wie abartig dieses Land sein kann: das Dating Game, ein Konsolen-Spiel, bei dem man(n) z.Bsp. als Schuljunge auf Frauenjagd unter seinen Mitschülerinnen geht. Ziel dabei ist es, so viele Mädchen wie möglich so rumzukriegen, dass die einwilligen mit einem ins Bett zu gehen. Nur schon die Idee eines solchen Spiels ist ja schon krank. Als ich letztens in Akihabara war, habe ich dort aber eine Werbung für ein wirklich fragwürdiges Dating-Game gesehen: es heisst "Wondering Repair", Untertitel "Welches meiner Ichs magst du am liebsten?". In dem Game geht's angeblich darum, nur ein einziges Mädchen rumzubringen; nur hast du verschiedene Altersstufen von ihr zur Auswahl: einmal als Primarschülerin, einmal als Teenager und zuletzt als erwachsene Frau.
... Also bitte, wie abartig ist das denn?

Sonntag, 13. Januar 2008

F wie Ferien, P wie Purikura

Auslandkorrespondentin mit Vermittlerfunktion japanischer Kultur meldet sich zurück von ein paar schönen Ferientagen voller Muse und Nichtstun. Und wie immer während ein paar freien Tagen hat sich mein Schlafrythmus um 180° gedreht, heisst also, ich bin so gut wie gleichzeitig mit euch in der Schweiz aufgestanden und schlafen gegangen; weswegen ich auch schon meine erste Schulstunde gnadellos verschlafen habe. Aber hey, ... ähm, ja, zum Thema.
Nach Silvester kam Romy, eine Mitstudentin, die derzeit in Ôsaka einen Austausch macht, mit 2 Freundinen nach Tokyo zum "Asobi" (Spielen). Zwei Tage lang waren wir zusammen unterwegs und durchkämten einige interessante Orte hier, die da wären Akihabara's GameCenters (mit lebensgrossen Roboter-Cockpits zum reinsitzen und steuern), Harajuku's Fashionläden (natürlich nicht ohne uns was Schickes zu kaufen und Purikura zu machen), Shinjuku's Ratshaus (mit schöner Aussicht auf Tokyos nächtliche Skyline) und der Tokyo Tower in Roppongi (zum ersten mal seit KingKong wieder bezwungen! Oder war's Godzilla?). Jedenfalls hat es sehr viel Spass gemacht (ich habe sogar gebratenen Crevetten-Köpfe zum Aperetiv in einer Jazz-Bar geniessen dürfen. Naja, laut den Spaniern soll das ja das Beste an der ganzen Gamba sein) und wir haben uns nicht ohne das Versprechen auf ein Wiedersehen verabschiedet.
Ansonsten sind die Ferien ruhig und schnell verstrichen. Hier und dort mal ein kleiner Ausflug oder Futterholen, füge einen japanische Aufsatz und eine Übersetzung auf Schweizerdeutsch hinzu, mixe alles mit ein paar Kanji und schon hat man das Ende der Ferien.





















Da es daher nicht mehr viel von meinem momentanen Treiben oder Vertreiben zu berichten gibt, hier mal wieder ein kleiner, aber unwahrscheinlich wichtiger Input zur Weiterbildung in Japanischem Verständnis bzw. Missverständnis meiner geschätzten Leserschaft.

Purikura - Keine Jugend ohne kira kira
Als ich noch jung und unwissend war, haben wir uns die Zeit mit Gruppenfotos im Passfotoautomaten vertrieben. Was waren wir für zurückgebliebene Unwissende, hat Sega doch die langweiligen schwarz/weiss-Dinger schon längst mit Farbe, Figuren, Hintergründen, Rahmen, Sprüchen, Datumangabe, Hasennohren, Herzchen, Sternchen, Blümchen, Wölkchen, Glitzer, Funkeln, auf Japanisch eben kira kira, aufgepeppt und zur liebsten Freizeitbeschäftigung der japanischen Jugend promotet (nach Karaoke). Das ganze nennt sich Purikura, Japanglisch für Print Club (1. Englisches Wort = Print Club, 2. Verjapanisieren = Purinto Kurabu, 3. Abkürzen = Purikura, die Geheimformel um Japanglisch entziffern zu können!!). Purikura machen geht folgendermassen: man suche mit Freunden (wichtig! alleine Purikura machen tun nur die Loser! Es käme einem gesellschaftlichen Absturz gleich, daher bitte immer zw. 2 und 10 Leute sein) ein GameCenter auf, wo meistens ein paar Boxen bereitstehen (es gibt aber z.Bsp. auch extra Purikura-Hallen). Diese haben meist eine rechteckige Form, etwa 2 auf 4 Meter, in die du hineingehst und im Stehen die Fotos machst. Einige Boxen haben auch Sofas, Trittbretter oder einen verschiebaren Sessel drin um spezifische Fotos zu machen, allen gemeinsam ist jedoch sicher eine riesige Belichtungsanlage, eine Hintergrundwand, die die Farbe ändert und ein Navigationskomputer, durch den du verschiedene Muster, Themen, Simulationen und Fotographierarten wählen kannst. So kannst du z.Bsp. Fotos im Dschungel machen, in einem Zug, in der Badewanne, auf einem Hexenbesen, im Sternenregen oder im Gruselkabinett. Eine Stimme gibt dir als Vorlage auch verschiedene Posen an und zählt den Countdown runter. Zwischen den einzelnen Fotos sind vielleicht 7 Sekunden Zeit um Plätze zu tauschen und sich dem neuen Thema anzupassen. (es gibt aber z.Bsp. auch das Speed-Puri, bei dem du nur 1 Sekunde Zeit hast). Meistens kann man etwa 8 bis 10 mal ganz verschiedene Fotos machen, aus denen du am Ende der Aufnahmen dann ca 6 auswählst. Der erste Teil wäre damit geschafft, aber es geht ja noch weiter. Nun geht's auf in die kleinere Editierbox, wo man auf 2 Monitoren die Fotos dann noch beliebig editieren kann, so z.Bsp. Hintergründe wechselt, allen ein Krönchen aufsetzt, einen Sternchenrahmen hinzufügt, was hinschreibt, insgesamt halt alles etwas kira kira macht. Dafür gibt's allerdings ein Zeitlimit von etwa 2 Minuten, das ganze muss also zack zack von der Hand gehen (wir sind mittlerweile schon ziemlich geübt und unsere Bilder werden daher auch immer mehr kira kira). Schlussendlich muss man dann noch kurz auf den Ausdruck der Fotos warten und den Bilderbogen mit den zur Verfügung gestellten Scheren auseinanderschneiden, um die Fotos unter allen Beteiligten aufzuteilen. Und voilà, fertig ist das Erinnerungs-Purikura!
Hier noch ein kleiner Tipp: Purikura sind keine richtigen Fotos, sondern Aufkleber. Japanische Mädchen führen deswegen meistens ein Purikura-Heft mit Plastikseiten bei sich, um die Bildchen einkleben, aber auch untereinander austauschen zu können. Bei den meisten Boxen kann man sich das editierte Foto aber auch gratis aufs Handy schicken lassen, per SMS oder Bluetooth. Und gleich noch was: Sobald der Countdown beginnt, in die Linse oben schauen und nicht auf den Bildschrim, denn sonst hat man einen gesenkten Blick auf dem Foto!





Ah, und noch was: Männer sollten vorsichtig sein, denn meistens dürfen sie nicht allein, sondern nur in Begleitung eines Mädchens in den Bereich mit den Purikura-Boxen gehen (pro Mädchen ein Junge), während es für Frauen keinerlei Begrenzungen gibt.
Die Germanen-Fraktion ist ziemlich fleissig am Purikura machen, und mein Heftchen wird immer voller^^ Ich mag Purikura und daher ist jeder, der mich in Japan besucht, hiermit verpflichtet mit mir welche machen zu gehen!

Montag, 31. Dezember 2007

Guets Nois

Gleich vorweg wünsche ich allen einen guten Start ins neue Jahr. Grosses Dankeschön auch an Tante Hedi und meine Eltern für die Unterstützung, Götti und Guido &Rosemarie für das E-Mail und der Felben-Fraktion für den netten Kommentar! Ausserdem nochmals alles Gute meiner Mum und meinem Dad, die ab heute zusammen (schon) dem 51. Geburtstag entgegen blicken dürfen.
So, eigentlich sollte man ja meinen, dass ich vieles zu erzählen habe von den Festtagen, aber zurückblickend ist eigentlich alles was Weihnachten und Silvester anbelangt zwar ungewohnt, aber ruhig verloffen. Die letzten Tage waren mehr vom im Ferien-Feeling in der Stadt rumwuseln geprägt als irgendwas anderes. Gesehen und gewerkelt haben wir dafür jede Menge und davon bedenke ich nun auch zu berichten:

Die Vorweihnachtstage
Da ein Freund vom Maru sie in Tokyo besuchen kam, rannten wir vorwiegend von einem Stadtende zum anderen (ganz im Sinne des Tourismus-Effekts), legten dementsprechend viele Kilometer (zu Fuss!) zurück und knipsten mal wieder unnötig viele Fotos (ich strebe ja immer meinem Idol, dem Durchschnittsjapaner am Matterhorn, nach). Konkret waren es etwa ein Besuch im Disney-Store in Shibuya (Sichtung eines brandneuen Mustangs, wenn auch weiss), zufälliges Erspähen eines Hochzeitumzuges am Meiji-Schrein (wichtigster Schrein in Tokyo, dem Meiji-Kaiser gewidmet), hemmungsloses Karaoke-Singen in Tachikawa, (Schaufenster) Shopping, Aufeinandertreffen auf eine Gruppe 40-jähriger Elvisse samt Haartollen, Pink Cadillacs und aus Boxen dröhnenden Elvis-Klassikern (die sich jeden Sonntag in Harajuku treffen um ihrem Vorbild zu huldigen) und ein erneutes Erklimmen des tokyoter Rathauses in Shinjuku (wo wir gerade rechtzeitig kurz vorm Sonnenuntergang ankamen und daher einen wunderschönen Ausblick geniessen durften). Ausserdem gabs an einem Abend mal noch ein weiteres Meisterwerk, das unserer kleinen Kochnische (in diesem Fall bzw. Hobbyofen) entsprungen ist, nämlich leckeren, ganz europäischen Makaroni-Auflauf.




Weihanchtstag
Ohne Schnee, dafür aber mit massig vergnügungssüchtigen Päärchen auf den Strassen (in Japan ist Weihnachten eine ziemlich kommerzielle Angelegenheit mit Traget Audience Verliebte), kann wohl keine europäische Seele wirklich in Weihnachtsstimmung kommen. Daher sind wir uns auch an diesem Tag einen weiteren Teil der Stadt ansehen gegangen. Morgens begaben wir uns nach Asakusa, Prémiere für unser Grüppchen, schauten uns den Schrein dort an und kauften einige Souvenirs an der putzigen Ladenstrasse dort. An einem See, bei dem du kitschtige Pedalos in Schwanenform mieten konntest (und viele Japaner das auch tatsächlich taten), dann keine kleine Verschnaufspause. Nach einer zu eskalieren scheinenden Auseinandersetzung mit den dort ansässigen Enten aber, entschieden wir uns dann doch dazu, besser weiterzugehen und schlenderten etwas durch das nahegelegene Viertel Ameyoko, in dem eine etwas harschere bzw. rockigere Stimmung herrschte und ich persönlich als sehr spanndenden Ort erlebt habe.
Nachmittags gings dann nach Akihabara, dem Elektro-Viertel. Wie immer dort haben wir viel Seltsames gesichtet, so zum Beispiel eine Traube 40jähriger Männer um zwei in Maid-Kostümen gekleidete Mädchen, die für die wild aufblizenden Kameras posierten oder etwa eine sicher 200 Meter lange Schlange von anscheinend wartenden Menschen in 4er Kolonen, an deren Anfang wir aber gar nichts Spektakuläres entdecken konnten, auf das es sich anzustehen gelohnt hätte (aber anstehen ist sowieso ein weit verbreitetes Hobby unter den Japanern; sobald er eine Menschenschlange sieht, bewegt ihn anscheinend ein unerklärlicher innerer Trieb dazu, sich ebenfalls dazu zu stellen).
Abends haben wir dann alle zusammen schön gekocht (Kartoffelsalat, Fisch mit Spinat und überbackenem Käse, Bratkartoffeln und zum Schluss Fruchtsalat auf Eis) und danach gegenseitig Geschenke ausgetauscht. Neben vieles coolen Goodies meines Lieblingsidols Akanishi Jin habe ich ausserdem noch eine Jacke bekommen, die ich schon seit ich in Japan angekommen bin gesucht, aber nie passend gefunden habe, deren Aufschrift da lautet "Air Guitar Club - Star-Feeling ohne überhaupt einen Akkord zu kennen". Hier nochmals ein riesiges Dankeschön an Maru und Fips!! Was Maru anbelangt, so waren wir an diesem Abend aber leider etwas in der Zwickmühle, denn das Buch, das ihr ihr Freund geschenkt hat, war ironischerweise genau das selbe Buch, das Fips und ich ihr zum Geschenk gekauft hatten...







Zwischen Weihnacht und Neujahr
Auch diese Zeit war mehr oder weniger hauptsächlich von kleinen Ausflügen, dafür aber viel Fussmarsch, geprägt. Zum Beispiel machten wir uns auf nach Roppongi, dem etwas exklusiveren Ausgangsviertel in Tokyo, wo Gucci, Christian Doir und Armani Tür an Tür wohnen. Seis wegen den Wolkenkratzern, seis wegen der himmelhohen Preise in den Läden (600 SFr. für einen MANSCHETTENKNOPF), jedenfalls kann's unsereinem gar nicht anderes ergehen als schwindelig zu werden in dieser Gegend. Also machten wir uns, natürlich wieder zu Fuss, auf zum nicht nahe, aber in der Nähe gelegenen Tokyo Tower (ebenfalls Prémiere für unser Grüppchen), den wir zwar nicht bestiegen, sondern im Gegenzug uns an einem Stand ein Crèpes gegönnt haben (Japaner stehen alle extremst auf Crèpes, das sie auch in jeglicher Hinsicht zur japansichen Perfektion getrieben haben). Nachdem wir wieder zurück am Bahnhof noch etwas vor den Roppongi Hills rumwuselten und die neusten Modetrends krititsch betrachten konnten, gings dann heimwärts.



Weiter haben sich Fips und ich auch einmal dazu aufgemacht, die Gegend um unsere Uni etwas weiter auszukundschaften. Ziel war das Grab eines Anführeres der Shinsengumi während der Meiji-Restauration, das angeblich in der Nähe sein sollte. Leider marschierten wir etwas spät am Abend erst los, und als wir das Grab hinter einem Tempel dann endlich gefunden hatten, war's schon zu dunkel um irgendwas erkennen zu können. Dafür haben wir aber sonst ganz interessante Entdeckungen gemacht, wie z.Bsp. einen Ami-Händler (ja, es gibt Japaber mit Stil), einen Fluss und einen riesigen Park mit faszinierendem Spielplatz, auf dem wir dann, der Dunkelheit zum Trotz, noch etwas rumgetollt sind und die ansässigen Spät-Jogger damit erschreckt haben.


Einen Tag sind wir dann auch noch mit der Monorail über die Rainbow Bridge nach Odaiba, einer aufgeschütteten Insel in der Tokyo Bucht, gefahren. Erst beim Anblick des Meeres wird einem erst wieder bewusst, dass Japan ja eigentlich eine Insel ist. Bei doch ziemlich heftigem Wind haben wir uns diesmal ans, nicht ins, Wasser getraut (das verglichen mit Kamakura ziemlich erbärmlich erschien), sind die grosse, silberne Aussichts-Kugel des Fuji TV Gebäudes hochgefahren, haben einen Rundgang durch die Fernsehstudios gemacht, eine kleine Unterhaltung mit Ronald McDonald geführt, einen Abstecher nach Klein-Amerika gemacht (so hatte es dank der dortigen Mini-Freiheitsstatue jedenfalls den Anschein), abends einem kleinen Liveauftritt von Asian Engineer gelauscht und sind dann schlussendlich noch auf die Comiket, eine riesige Comic-Börse, die an diesem Tag gerade stattfand, mit zig verkleideten Comichelden oder beharrten Männern in Mädchenschuluniformen. Die Leute und Kostüme waren wirklich sehr interessant, teilweise aber auch fragwürdig; aber wer bin ich dann, um die tiefen Abgründe der japansichen Fetische ergründen zu wollen. Manche Dinge sollten vielleicht besser unentdeckt bleiben^.~







Silvester
Wie jeder anständige Tokyoter, der über Neujahr nicht gerade zu seiner Familie aufs Land raus gefahren ist, hatten auch wir vor, um Mitternacht am Meiji-Schrein uns in die Massen zu stürtzen und für ein gutes neues Jahr zu beten. Nach einem vorigen Abstecher nach Tachikawa, wo ich mich endlich mit einer warmen Daunenjacke eingedeckt hatte, gings also auf richtung Harajuku. Auf dem weg dorthin fühlten wir uns schon fast ein bisschen verloren, waren da doch so wenig Leute unterwegs in den Zügen und die Umgebung der Bahnhöfe nicht grell leuchtend und blitzend wie sonst, sondern dunkel und verlassen. In Harajuku aber angekommen, änderte sich das doch ziemlich; überall standen Polizei und Rettungskräfte umher, die schon die Vorbereitungen für den drohenden Ansturm tausender Pilgerer zum Schrein trafen und durch Megaphone alle daruf Aufmerksam machten, sich an die Regeln zu halten und Rücksicht zu nehmen - Tokyo im Kriesenstadium. Die aufbrauhende Bedrohung lag förmlich in der Luft. Glücklicherweise haben wir uns aber schon vor 23.00 Uhr richtung Schrein aufgemacht, weshalb die ... Warteschlange, ist das falsche Wort, es war eher ein Wartefluss, noch nicht so gross war und wir einigermassen weit vorne anfangen konnten, ja was wohl?, anzustehen. Zusammen mit tausend anderen Japanern, die sich anscheinend gar nicht daran störten, dass sie Schlag 00.00 Uhr immernoch an der selben Stelle mit uns warteten und nicht mal Anstossen konnten, da Essen und Trinken innerhalb des Shchreinsgelände verboten war. Per Riesenbildschrim konnten wir dann verfolgen, wie ein Mönch punkt Mitternacht anfing, 108 mal auf die grosse Schreinstrommel zu schlagen; ein Brauch, um die 108 Begierden der Menschen zu vertreiben. In Gruppen von vielleicht 200 Leuten leiteten nun die Staffs uns mit einigen Zwischenstopps immer näher richtung Schrein. Um 00.30 Uhr dann etwa dort auch sicher zwischen all dem Menschengedränge angekommen, standen wir immernoch etwa 10 Meter von eigentlichen Altar entfernt hinter den Leuten, vorauf wir unsere Münzen einfach schwungvoll über die Köpfe derer vor uns warfen und halt ganz hinten zwei mal in die Hände klatschten, uns verbeugten und dann für das neue Jahr beteten (wobei wir uns vorher noch beraten haben, ob wir da jetzt auch Deutsch beten dürfen oder doch besser auf Japanisch, damit die Kami (Götter) uns auch sicher versehen). Ein Ema haben wir dann auch noch aufgehängt; das sind kleine Holztäfelchen, auf die du einen Wunsch oder eine Bitte schreibst und sie an einem Haag um einen heiligen Baum festmachst.




Nachdem ich mich dann mit einem Becher Amasake, vielleicht vergleichbar mit unserem Glühwein, einfach weiss und aus Reis gemacht, erstmal von dem ganzen Wahnsinn erhohlt hatte, gings dann auf ins Ausgangsviertel Shibuya, wo eigentlich die ganze verbleibende Nacht Karaoke auf dem Plan stand, meine treuen Gefährten aber zu schockiert von den Preisen waren und wir uns deswegen auf den Heimweg gemacht haben. Um vier Uhr wieder in der Basiszentrale angekommen, sahen wir uns zusammen noch einen Film an; mit schlafen war nämlich nix, wollten wir doch ganz japanisch-romantisch den Hatsuhi no De, den ersten Sonnenaufgang im Jahr, zelebrieren, der aber leider erst 06.47 Uhr stattfand. Der Müdigkeit zum Trotz haben wir's aber doch geschafft, rechtzeitig zum obersten Stock des Wohnheims zu hechten und das Spektakel auf uns wirken zu lassen.


Deswegen heute erst um 16.00 Uhr aufgestanden, ist mein Schlafrythmus zwar mal wieder vollkommen im A*sch, aber das neue Jahr kann beginnen!

Freitag, 21. Dezember 2007

Von Ferien, hüpfenden Russen und Handtaschen

Nach der letzten Hürde Prüfungen sind nun endlich die Ferien angeborchen, gleichzeitig aber auch eine neue Kältewelle, die mich in meinem undichten Papphäuschenzimmer doch ab und zu schlottern und die Heizungskosten in die Höhe schellen lässt. Deswegen habe ich auch vor, mir eine piekfeine, brandaktuelle RUSS-K Winterjacke zu kaufen, die unter den hiesigen Shibuyanern und Harajukern grade im Trend liegt und für die meine zwar wenig talentierte, dafür aber innig geliebte Idolband NEWS gerade Werbung macht. Warm halten tut mich aber auch der viele Winterspeck, den ich mir durch Guetzli und Schoggi aus der Heimat schon angefressen habe. Dank fleissigen Postgängen meiner Familie oder meines Göttis halte ich unter meinen Freunden im Wohnheim den ungeschlagenen Päckchenrekord! 6 Päckchen und eine Karte habe ich in den zweieinhalb Monaten, in denen ich schon hier bin, empfangen dürfen. Dafür möchte ich mich an dieser Stelle auch ganz herzlich bedanken. Gerade heute ist wieder ein Fresspacket angekommen, aber diese Guetzli werden aufgespart bis Sonntag, denn da findet unser letztes "Advent Kaffee und Kuchen Kränzchen" statt, das sich die Germanenfraktion eingerichtet hat.


So, nun aber fix zu den heutigen Themen:

Weihnachtsaufführung
Ich wurde von einer japanischen Tutorin dazu aufgefordert (man sagt auch "gedrängt" dazu), bei einem kleinen Weihnachtstheater aufzutreten, das sie zusammen mit einem Konzert organisiert hatte. Es ging dabei darum, einige verschiedene Weihnachtsbräuche Europas aufzuzeigen. Unter der Bedingung, dass ich weder sprechen, noch tranzen, noch seltsame Kerzenhüte auf meinem Kopf tragen muss, willigte ich ein und wurde so zu einer Temporär-Schwedin, die zusammen mit dem Temporär-Schweden Fips einen Christbaum schmückten, während dann doch noch ein echter Schwede eine kleine Rede hielt (Feedback der Tutorin: Esther... Weihnachtsbäume stehen dir. Du siehst daneben so europäisch aus!). Die Italiener schrieben mit manchmal unterdrücktem, manchmal auch nicht unterdrücktem Gekicher Wunschlisten an den Papa Noel, die Engländer versuchten sich an einer A Capella Version von Merry Christmas (die Performance hätte aber sicher von ner Gruppe balinesischer Kleinkinder in Kartoffelsäcken übertrumpft werden können (nichts gegen Balinesen)) und die Russinnen hüpften mit epileptischen Zuckungen und Sprügen um einen Weihnachtsbaum (wenigstens ihnen schien es Spass zu machen). Naja, die Tutorin betitelte das Spektakel als gelungen...

Männerhandtaschen
Der urbane Japaner von heute schmiert in seine orange gefärbten Haare nicht nur ein Döschen Gel pro Tag oder trägt Schlappen in Form von Cowboy Stiefeln, nein, sein wichtigstes Accessoire ist eine Handtasche in seinen Händen oder am angewickelten Unterarm baumelnd, vorzugsweise von Gucci oder Louis Vuitton. Diese Männerhandtaschen machen was Farbe und Grösse anbelangt denen der Frauen ernsthafte Konkurrenz und man kann erschreckend viele von ihnen nur schon auf dem Unikampus erspähen. Über den Inhalt werden zahlreiche Vermutungen angestellt, bewiesen ist aber noch nicht viel. Aus meinen bisherigen Forschungen kann ich nur sagen, dass die Tasche wahrscheinlich weniger zum Versorgen der Geldbörse benutzt wird, denn diese ist ja auch von Luis Vuitton und muss deswegen an einem Ort aufbewahrt werden, wo sie gesehen werden kann (vorzugsweise möglichst lange Portemonnais in den hinteren Hosentaschen, worüber sich jedes der Langfingerkinder am römischen Bahnhofe freuen würde). Naja, die Männer-Mode der japanischen Jugendlichen, wenn nicht gerade im einheitlichen Businessanzug, ist sowieso ein Thema für sich und für Europäer vielleicht zuerst einmal ein wenig befremdlich, oder besser gesagt metro- bis homosexuell.


男香り - der Männerduft
Seit einiger Zeit schon immer in den Regalen der Konbini beäugt, gestern dann endlich mal ausprobiert: Otoko Kaori, der Kaugummi, der Männerschweiss nach Rosen duften lässt. Versuchskanninchen war Fips (naja, als einziger Mann im Dreierbunde keine grosse Auswahl), der sich zwar mit etwas Unbehagen, aber doch tapfer dem Experiment ganz im Sinne der Forschung für japanische Studien gestellt hat und den Kaugummi in den Mund steckte. Ergebnis: Im Umkreis von 30 cm um Fips herum schwebte tatsächlich eine ...intensiv... nach Rosen ...duftende... Wolke. Ob der Duft aber vom Körper aus kam, oder doch nur vom Kaugummi her, konnte bei dem Experiment nicht festgestellt werden.


So, mein Bettchen ruft, aber heute ist nicht alle Tage, ich komm wieder, keine Frage!

Mittwoch, 5. Dezember 2007

Nippon Weisheiten

Hallihallo, meine geschätzten Leserinnen und Leser, hier ist wiedermal ihre Erzählerin live aus Japan, die, nachdem sie den ersten Prüfungsansturm zwar mehr schlecht als recht, aber trotzdem überstanden hat, endlich mal wieder etwas Zeit findet mit ihren aufgedunsenen Berichten aus ihrem im Moment ziemlich spektakulärlosen Leben in der Ferne zu berichten (4 Zeilen, 1 Satz, dass soll mir mal einer nachmachen!). Hier auch gleich noch ein grosses Dankeschön für das Stückchen Heimat, das ich gestern im Austauschstudenten-Zentrum abholen durfte!
Während ich mich also ernsthaft zusammenreissen muss, dass ich nicht gleich alle Guetzli auf einmal verschlinge, sondern schön rationiere, damit ich mich ein Weilchen daran erfreuen kann und auch meine Freunde noch daran Teil haben können, möchte ich nun gerne über einige Beobachtungen und Erkenntnisse von kleinen Kuriositäten des nipponischen Völkchens, auf deren Insel ich mich befinde (im Volksmund auch als "Japaner" bezeichnet), berichten.

Was, ihr geht schon seit 2 Jahren miteinander aus und ich hab nichts bemerkt??
Japanische Männlein und Weiblein verhalten sich anders als schweizerische Männlein und Weiblein. Ob dieser Unterschied ihren Ursprung bei den hiesigen Bienen findet, kann ich zwar nicht zurückverfolgen, ABER er ist definitiv vorhanden, denn anders als bei uns, scheint es hier eine sehr private, wenn nicht peinliche Angelegenheit zu sein eine Liebesbeziehung zu führen. Auf dem Kampus sieht man nie, wie sich zwei Menschen küssen, umarmen oder Hände halten, ja, Päärchen scheinen gar nicht existent (Ich habe aber aus zuverlässiger Quelle erfahren, dass es sie doch gibt!). Mit wem du zusammen bist, ist Privatsache, das geht andere nichts an, besonders nicht die, die dich kennen. So kann es also vorkommen, dass es in deinem Freundeskreis ein Päärchen gibt, von dem du nicht den blassesten Schimmer hast (so einer hiesigen, japanischen (!) Freundin von mir geschehen, ich verweise auf den Titel dieses Abschnittes). Von deinen Klassenkameraden gesehen zu werden, wie du mit deinem Freund/deiner Freundin vertraulich bist (z.B. umarmen und Begrüssungkuss), ist peinlich und zu unterlassen. Händchen halten geht also an Orten, wo dich keiner kennt, etwa dem Ausgangsviertel Shibuya oder Shinjuku, aber ganz sicher nicht an der Uni, da könnte ja das Gerede losgehen. (bei Ausländern ist der Fall jedoch wieder anders, wir dürfen anscheinend küssen wann, wo und soviel wir wollen, da wir ja zuhause auch öffentlich unsere Affektion gegenüber unserem Partner ziegen und es sowieso nicht besser wissen).

How are you - Ausländer sprechen alle Englisch
Erspäht der durchschnittliche Japaner ein westliches Gesicht in der Menge, ist der Fall schon klar: Du bist Amerikaner und sprichst natürlich Englisch. Wie, es gibt auch Westler, die nicht Englisch sprechen? Du bist doch Ausländer, also hast du gefälligst Englisch zu sprechen!
So jedenfall erscheint es mir, wenn ich wieder mal die Zielscheibe eines alten, hartnäckigen Inselbewohners geworden bin und als lebende Englisch-Konversations-Übung herhalten muss, obwohl ich dem Herrn doch schon einige Male in relativ schönem Japanisch mitgeteilt habe, dass ich ja eigentlich kein Englisch verstehe (was ja nicht wirklich der Wahrheit entspricht, was uns aber nicht zu kümmern braucht). Selbst auf der Uni wird nach einem freien Stuhl mit "May I?" gefragt, der Billetkontrolleur sieht wohl das an mich gerichtete "Thank you" als willkommene Abwechslung und die Schülerinnen rufen stolz ein "Hello!" zu uns herüber. Trotz Helvetica-Pullover, Militär-Gürtel und Schweizer-Rucksack scheint meine Herkunft dem Grossteil der Leute nicht einleuchtend zu sein; ich bin einfach eine Ausländerin und Ausländer sprechen prinzipiell mal alle Englisch.

Extreme-Recycling
Es gibt zwar wenig Mülleimer in Japan, aber wenn du tatsächlich mal einen gefunden hast, stehst du nicht vor einem simplen Abfalleimer, nein, sondern vor einer halben, vielleicht auch ganzen, Entsorgungsstelle. Der Standart ist meist ein Eimer für brennbaren Müll, einer für Nicht-Brennbaren, einen für Dosen, dann für PET und für "anderes". In der Mensa haben wir zusätzlich noch einen für Essensresten und einen für Flaschen. Was kommt aber nun in welchen Eimer? Über dies nachsinnend habe ich schon so manche Augenblicke vor den verschiedenen Mülleimern gestanden, bis ich mich dann endlich entschieden habe, was etwa wo hin kommen könnte. Das Tetrapack ist Brennbar, dessen Strohhalm kommt aber in Nicht-Brennbar. Das Preisschild am Shirt ist Brennbar, das durchsichte Halterchen aber Nicht-Brennbar. Jedoch ist die Art zu trennen überall verschieden und jede Stadt hat ihre eigenen Regeln. Im Heimatort eines Freundes zum Beispiel gehört die PET-Flasche zwar ins PET, davor musst du aber das Papier rund um die Flasche abziehen (da brennbarer Müll), den Deckel wegnehmen (Plastik) und zum Schluss auch noch das runde Plastikding um den Flaschenhals, dem wir normalsterblichen Umweltsünder ("nicht lieb zur Erde") nur in Momenten der Langeweile Beachtung schenken, abknobeln, bevor du dich der Flasche entgültig entledigen kannst.

So, meine Zeit wird langsam knapp und die Guetzli sind auch schon alle. Mehr von den lieben Japanern das nächste Mal!